BORG Kindberg

Philosophie Olympiade 2019/20: Essay – Kunst

Abgabe: 31. Jänner 2020

Thema 3: Die Wahrheit ist hässlich. Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.

Wahrheit. ἀλήθεια (Aletheia). Veritas. Seit Jahrhunderten versuchen Menschen eine Definition für einen Begriff anzufertigen, der so komplex ist, so unendlich allumfassend, wie das Universum selbst. Wer es sich erlaubt im Wörterbuch nachzuschlagen findet folgende Definition:

Wahr·heit /Wáhrheit/ Substantiv, feminin [die]

1a. das Wahrsein; die Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird; Richtigkeit;

1b. wirklicher, wahrer Sachverhalt, Tatbestand;

Doch, was sagt die Philosophie dazu? Aristoteles behauptete, Wahrheit sei, alles was ist und alles was nicht ist, sei nicht Wahrheit. Denken und Sache müssen also übereinstimmen. Auch Marx vertritt diese Auffassung und meinte, dass Wahrheit nur in der Praxis relevant sei, wenn also das Bewusstsein mit einem bewussten Objekt übereinstimmt. Wittgenstein sagte, der Satz stelle „ein Bild der Wirklichkeit“ dar. In der Redundanztheorie geht man davon aus, dass das Wort „wahr“ in einem Satz überflüssig ist. Wenn man einen wahren Sachverhalt mitteilen wolle, müsse man nicht mehr erwähnen, dass er wahr ist, denn das ist schon in der Aussage impliziert. Neurath war der Überzeugung, dass sich die Wahrheit bzw. Richtigkeit einer Aussage nur dann bestätigen lässt, wenn sie sich in die Gesamtheit der bereits „miteinander in Einklang gebrachten Aussagen“ einfügt. Nietzsche war der Ansicht, dass Wahrheit nichts anderes sei, als die ständige Wiederholung von Relationen, also rein ein Konstrukt der Menschen. Schlegel meinte, es gäbe keine wahre Aussage, alles, was der Mensch erkennt, ist relativ und unsicher. Somit kann nichts als eindeutige Wahrheit festgelegt werden.

Doch wenn man all die komplizierten Ausdrücke, all die verwirrenden Satzstellungen für einen Moment vergisst: Was ist Wahrheit? Wahrheit ist überall. Sie ist brutal und wunderschön und rein und schmerzhaft. Sie zerreißt uns und flickt uns wieder zusammen. Die Wahrheit hält uns am Leben. Wahrheit ist das erste Schreien eines neugeborenen Kindes. Wahrheit ist der erste wirkliche Herzschmerz. Wahrheit ist von einem Lied zu Tränen gerührt zu werden. Wahrheit ist die erste Note einer schallenden Symphonie, die jede Zelle des Körpers durchdringt und in ihnen wiederhallt. Die wahrste Wahrheit, die der Mensch erkennen kann, ist die Emotion. Welche Emotion? Jede Emotion! Jede ehrlich gefühlte Emotion. Emotionen, die einen in die höchsten Höhen katapultieren, die einen in tausend Stücke zerbrechen, die einem das Herz zerreißen und Hoffnung geben. Wahrheit ist nie gelogen, genauso wie Emotionen nicht gespielt werden können. Wer ein Gefühl vortäuscht, lügt, somit ist dies das Fehlen der Wahrheit.

Doch wie kann man seine eigenen, ganz persönlichen Wahrheiten teilen? Wie kann man einen anderen Menschen seine Gefühlswelt näherbringen oder die eines anderen nachvollziehen? Kunst! Nur durch Kunst kann man Emotionen anderen Menschen zeigen, so rein und unbeholfen wie sie nun eben sind. Jede Form der Kunst kann hierbei verwendet werden, es trifft auf sie alle zu: Opern, Gemälde und Statuen, Gedichte, Theater und Filme, Ballette, Sonaten und Romane. In jedem durch Menschenhand geschaffenen Kunstwerk findet man Wahrheit.

Doch wessen Wahrheit sehen wir beim Anblick eines auf Leinwand gemalten Ölportraits? Die des Malers? Die des Modells? Wessen Wahrheit sehen wir beim Lesen eines mit Reimen verzierten Liebesgedichts? Die des Dichters? Die der Liebenden? Wessen Wahrheit sehen wir beim Betrachten von Kunst? Die des Künstlers?

Einerseits, ja, die Wahrheit des Künstlers. Denn nur er kann all seine Emotionen zu Papier bringen, in einem Pinselstrich sein ganzes Leben beschreiben, mit wenigen Noten mehr sagen, als tausend Worte es je könnten. In jedem Kunstwerk erkennt man den Künstler und seine ganz persönlichen Wahrheiten. Ryan O’Neal ist ein US-Amerikanischer Musiker und Songwriter, der seit 2013 an einem Projekt namens Atlas arbeitet.

In unregelmäßigen Abständen werden Singles, EPs, Alben veröffentlicht, alle zu dem Thema Atlas, mit denen der Musiker alle Aspekte des Lebens erforschen und würdigen will. Wenn man sich die Sammlung dieser Musikstücke anhört, fühlt man  mit jeder Faser seines Körpers die unendliche Liebe und Bewunderung, die O’Neal gegenüber dem Universum, der Welt, dem Leben spürt. Mit jeder Note verliebt man sich in die eigene Existenz. Jeden Sonnenstrahl und jeden Regentropfen sieht man als Meisterwerk. Durch seine Musik zeigt O’Neal seine Wahrheit. Seine schier grenzenlose Liebe und Wertschätzung. Und dieses Gefühl geht auf den Hörer über. Seine Emotionen durchströmen den Beobachter.

Also Ja, Kunst zeigt die Wahrheit des Künstler, ihres Schöpfers.

Doch Kunst zeigt auch die Wahrheit des Betrachters. Oscar Wilde meinte: „It is the spectator, and not life, that art really mirrors.“ Die Kunst spiegelt also den Zuschauer, nicht das Leben. Jeder, der Kunst versteht und sie wertschätzt kann sich auch in ein Kunstwerk hineinversetzen. Ob in die Titelfigur einer griechischen Tragödie, die Rolle einer besungenen Dame in einem Minnelied oder in die Mona Lisa – wenn man sich selbst in Kunst sehen kann, sieht man einen Teil seiner Wahrheit. So werden manche Melodien uns ein Leben lang begleiten und uns immer an dasselbe Gefühl erinnern. So werden wir so manches Buch hunderte Male lesen, um uns wieder in seiner Welt zu finden. So werden wir in 30 Jahren einen Film wiedersehen und genau wissen, warum er uns damals so bewegt hat. So gehen wir durch ein Museum und fühlen, wie sich unser Horizont um Kilometer weitet. Kunst, wahre Kunst, geht unter die Haut. Sie bewegt uns auf Arten, wie nur sie es kann.

Aber um das zu erleben muss man Kunst verstehen, denn nur dann kann man seine eigenen Wahrheiten darin erkennen. Was ist mit den Menschen, die in Kunst nichts sehen? Die, die ein Gemälde betrachten und dabei nichts fühlen? Diese Menschen, kennen ihre Wahrheit nicht oder trauen sich nicht, zu ihr zu stehen. Die, die ihre Wahrheit nicht kennen, sind ignorant. Sie gehen durchs Leben ohne tiefere Gedanken, ohne Herzenswünsche, ohne wahre Motivation. Sie versuchen meist so krampfhaft ein Bild aufrecht zu erhalten, nämlich das, dass sie wahre Emotionen empfinden, dass sie gar nicht merken, wenn man sie hineinlegt. All die Menschen, die während eines Konzertes einschlafen, all jene, die durch ein Museum gehen, ohne es von Grund auf verändert zu verlassen, all jene, die 120.000 Dollar für eine an die Wand geklebte Bananen bezahlen, weil sie nicht erkennen, was wahre Kunst ist – diese Menschen verdienen unser Mitgefühl. Sie erkennen weder die Emotionen in der Kunst noch in sich selbst, noch sehen sie die Wahrheit, wenn man sie ihnen vor die Nase hält.

Also, die Kunst kann nur zeigen, was der Beobachter sehen kann. Empfinden kann. Verstehen kann. Man kann nicht mehr verstehen, als man verstehen kann. Wenn man hundert Menschen genau dasselbe Bild zeigt, genau das gleiche Lied vorspielt, genau denselben Film sehen lässt, wird doch jeder etwas anderes davon mitnehmen, etwas anderes verstehen. Also was sehen wir nun wirklich in der Kunst? Wieviel Wahrheit steckt darin?

Wenn Kunst das einzig wahre Abbild der Gefühlswelt eines Menschen ist und Gefühle, das wahrste am Menschen sind, heißt das, dass Kunst die wahrste Wahrheit der Menschen zeigt. Diese Überlegung steht klar im Widerspruch zu Nietzsches Überzeugung. Kunst versteckt keine Wahrheiten, sie unterstreicht sie, bringt sie ganz groß raus, mit bunten Farbstrichen, mit allen Noten der Musik, mit allen Buchstabenkombinationen, die nur möglich sind. Nichts ist wahrhaftiger als Kunst. Kunst ist Wahrheit. Wahrheit ist Kunst. Doch kann man in Kunst noch etwas anderes als Wahrheit finden? Ist Kunst nur für die da, die ihre Wahrheiten sehen wollen?

Kunst kann so viel mehr als nur unsere Wahrheiten zeigen. Jetzt entsteht natürlich die Überlegung, was es denn außer unseren Wahrheiten noch gibt. Alles! Selbst wenn man in einem Gemälde keine Wahrheit finden kann, kann man es dennoch schön finden. Kunst kann auch einfach nur schön sein. Sie muss nicht immer einen größeren Zweck erfüllen. Dass sie uns dabei hilft, unsere Emotionen zu teilen und zu verarbeiten, einen anderen Menschen tiefer kennenzulernen und über unseren Tellerrand hinauszublicken, sind nur wenige Aspekte der Kunst. Kunst ist zwar unser einziger Weg Emotionen darzustellen, das heißt aber nicht, dass Kunst nicht auch etwas anderes sein kann. Sie kann uns verzaubern und in fremde Welten entführen. Sie kann auf Missstände aufmerksam machen und auf all jene, denen es schlechter geht als uns. Sie kann uns alles zeigen, alles geben, was es in der Welt gibt.

Zu sagen, Kunst sei nur dafür da, um uns die Wahrheit erträglicher zu machen, grenzt an Blasphemie. Eine Beleidigung an die Kunst, unser größtes und wertvollstes Gut. Zum einen ist Kunst mehr als nur ein Mittel zum Zweck, eine Vertuschung von unschönen Tatsachen. Sie ist nicht nur da, um uns das Leben leichter zu machen. Selbst wenn sie keinen „sinnvollen“ Zweck erfüllt, hat sie dennoch ein Recht zu bestehen. Kunst muss keinen eindeutigen Zweck haben. Zum anderen zeigt die Kunst, wie bereits erwähnt, die Wahrheit. Wahrheit in allen Facetten – ein weiterer Punkt, in dem ich Nietzsche widersprechen muss: „Die Wahrheit ist hässlich.“ Blödsinn! Wahrheit ist alles! Wahrheit kann wunderschön und beflügelnd und glücklich sein. Wahrheit kann aber auch wütend und schmerzhaft und voller Leid sein. Wahrheit ist Liebe und Vertrauen und Angst und Trauer. Ist Wahrheit hässlich? Manchmal, ja, definitiv. Doch egal wie hässlich sie auch immer sein mag, im nächsten Moment ist sie wieder wunderschön.

Und genau diese Vielfalt und Fähigkeit zum Wandel macht Wahrheit so einzigartig und überlebenswichtig. Wir brauchen sie, weil sie hässlich ist. Wir brauchen sie, weil sie wunderschön ist. Wir brauchen sie, weil sie allumfassend ist und uns alles zeigt.

Also, ja, Herr Nietzsche, Sie haben Recht. Wahrheit ist hässlich. Aber sie ist so viel mehr als nur das.

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