BORG Kindberg

Schule: BORG Kindberg

betreuende Lehrkraft: Prof. Mag. Peter Tarkusch

Schüler/in: Louisa Ruhnau

Thema:

Sind Sie überflüssig? Natürlich nicht. Ihre Kinder? Nein, keineswegs. Ihre Verwandten, Ihre Freunde? Geradezu eine unverschämte Frage, ich weiß. Ehrlich gesagt, empfinde ich mich selbst auch nicht als überflüssig. Wer tut das schon? Höchstens an ganz schlechten Tagen. Und doch gelten viele Menschen auf Erden als überflüssig, aus Sicht von Ökonomen, internationalen Organisationen, global agierenden Eliten. Wer nichts produziert und – schlimmer noch – nichts konsumiert, existiert gemäß den herrschenden volkswirtschaftlichen Bilanzen nicht.

Ilija Trojanow: Der überflüssige Mensch. Residenz, 2013, S. 7

 

Überflüssig sein, das bedeutet nutzlos sein, irrelevant sein und keinen Wert haben. Aber was ist Wert eigentlich?

Wert allgemein könnte man mit „Wichtigkeit“ oder „Relevanz“ umschreiben. Wie viel eine Sache wert ist, hängt davon ab, wie wichtig sie ist, wie sehr diese Sache gebraucht wird – zum Beispiel um zu überleben, um glücklich zu sein, um zu funktionieren. Den absoluten Wert einer Sache, den gibt es jedoch nicht. Wie viel etwas wert ist, ist abhängig von Situation und dem, der wertet. So können also ein und derselben Sache unendlich viele verschieden „Werte“ zugeschrieben werden.

Wie ist das aber beim Menschen? Sind wir nicht alle gleich viel wert?

Nehmen wir an, du gehst mit mir entlang einer Straße. Neben dir dein bester Freund. Würde ich dich jetzt fragen, wer dir wichtiger ist, dein bester Freund oder der fremde Mann an der Straßenecke, dann wirst du mir mit großer Sicherheit die Person neben dir nennen. Ganz klar; Menschen die uns nahe stehen, die von emotionaler Bedeutung für uns sind, haben einen größeren Wert für uns, als Menschen, zu denen wir in keine Beziehung haben. Aus Sicht des Einzelnen sind Menschen also nicht gleich viel Wert.

Betrachtet man die Menschheit als Ganzes, so steht jede einzelne Person in Verbindung zu seinen Mitmenschen und zu seinem Umfeld und hat daher einen gewissen Einfluss auf diese/s. Man könnte das Ganze mit einem riesigen Netz vergleichen, in dem Jede/r von uns einen Verbindungspunkt, einen Knoten, darstellt. Schneidet man einen dieser Knoten heraus, verändert sich die Struktur des Netzes. Angenommen, alle Knoten wären gleich groß und daher gleich wichtig für die Stabilität des Gesamtnetzes, dann würde das Fehlen einzelner Knoten jeweils dieselben Auswirkungen auf diese Stabilität haben. Vergleicht man nun das Fehlen oder Herausschneiden eines Knoten mit dem Tod eines Menschen, fällt jedoch auf, dass der Tod verschiedener Personen unterschiedlich starke Auswirkungen auf die Menschheit hat. Während sich mein Tod beispielsweise hauptsächlich auf meinen Verwandten- und Freundeskreis auswirken würden, hat der Tod von Künstlern, Prominenten oder politisch bzw. wirtschaftlich relevanten Persönlichkeiten ganz andere Folgen. Die Existenz, beziehungsweise Nicht-Existenz einzelner Menschen ist unterschiedlich relevant für die gesamte Menschheit. Daraus lässt sich schließen, dass nicht alle Knoten von gleicher Bedeutung sind. Wir Menschen sind also nicht alle gleich wichtig, nicht alle gleich viel wert für die Gesamtmenschheit.

Sagen wir Dinge wie „Jeder Mensch ist gleich viel wert“ also nur, um nicht als böse Menschen dazustehen – vor anderen und vor uns selbst – oder glauben wir wirklich an das, was der Satz aussagt? Wirft man einen Blick auf diese Welt, so wirkt die Aussage des Satzes ja nicht wirklich überzeugend. Im Gegenteil, hier gilt ein Großteil der Menschen sogar als überflüssig, als wertlos. Aus ökonomischer Sicht beispielsweise, wie auch Ilija Trojanow meint: „Wer nichts produziert und – schlimmer noch – nichts konsumiert, existiert gemäß den herrschenden volkswirtschaftlichen Bilanzen nicht.“ Dieser Fakt allein wäre noch kein Problem. Es ist ganz logisch, dass wir aus Sicht verschiedener Personen oder Instanzen unterschiedlich viel wert sind. Das eigentliche Problem ist, dass global gesehen das Interesse an Wirtschaftswachstum und Gewinn derzeit höchste Priorität zu haben scheint. Wir regieren unsere Welt mithilfe eines Systems, in dem der Wert des Menschen hauptsächlich an seiner wirtschaftlichen Leistung gemessen wird. Dieses System entspricht jedoch weder unserem Selbstbild, noch unseren Bedürfnissen – dem Selbstbild, mehr als nur Produzent und Konsument zu sein und dem Bedürfnis, dass unser Wert unabhängig davon ist, wie viel wir konsumieren und produzieren.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in welcher der einzige Beitrag zur Menschheit, der zählt, mein ökonomischer ist. Vor allem dann nicht, wenn ich persönlich das dahinter stehende Wirtschaftssystems nicht unterstützen kann, da es auf moralische Werte, wie Gerechtigkeit, keine Rücksicht nimmt. Es wäre mir zum Beispiel beinahe unmöglich, ein neues Handy zu kaufen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Verweigere ich jedoch den Konsum, trage ich zur wirtschaftlichen Bilanz weniger bei; mein Wert sinkt daher.

Was ich mir wünsche, ist ein System, in welchem es auch andere Möglichkeiten als nur zu produzieren und zu konsumieren gibt, um einen Beitrag leisten zu können. Dafür wäre allerdings ein globales Umdenken nötig. Ziele müssten neu definiert werden und Prioritäten müssten anders gesetzt werden. Stell dir vor, die obersten Ziele auf der Erde wären nicht Gewinn und Wirtschaftswachstum, sondern beispielsweise unsere Zufriedenheit oder das Gemeinwohl der Menschheit. Die Wirtschaftsform wäre eine, welche sich an intelligenter Nutzung von Ressourcen oder Gerechtigkeit, statt an hohen Verkaufszahlen orientieren würde. In dieser Welt wären wir alle wichtig und hätten dieselben Chancen, einen Beitrag für das System leisten zu können. Denn um zu konsumieren braucht man Geld, um andere Menschen zufriedener und glücklicher zu machen nichts.

Du bist nicht überflüssig. Keiner von uns ist das. Wir alle haben denselben Wert. Vielleicht sogar einmal aus Sicht des global agierenden Systems.

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